Notschlafstelle

Notschlafstellen für junge Wohnungslose Menschen im Alter von 18 bis 27 Jahren (NSST)

14.02.2017

Seit mehr als 10 Jahren weisen verschiedene Akteure, insbesondere der „Arbeitskreis Wohnraum für junge Menschen“, auf unterschiedlichen Ebenen auf nicht abgedeckte Bedarfe wohnungsloser jungen Menschen hin und fordern, dass in Hamburg Notschlafstellen (NSST) für diese Zielgruppe eingerichtet werden (18 bis 27 Jahre).[1] Bislang blieben diese Bemühungen ohne jeden Erfolg.

Das vorliegende Papier skizziert konzeptionelle Eckpunkte für Notschlafstellen für junge Menschen in Hamburg und hat das Ziel, weitere Akteure für die Umsetzung von Notschlafstellen in Hamburg zu gewinnen.

 

Bedarf für Notschlafstellen für junge wohnungslose Menschen

Junge Menschen geraten in Krisensituationen schnell in Gefahr wohnungslos zu werden. Typische Krisensituationen sind konflikthafte Ablösung aus dem Elternhaus, Armut, Arbeitslosigkeit, keine Übernahme von Kosten der Unterkunft und Sanktionierung der SGB II Grundsicherung, prekäres Mitwohnen, instabile Wohnsituationen im Anschluss an betreute Wohnformen und Mangel an günstigem Wohnraum. Die bestehende Wohnungslosenhilfe und das Unterbringungssystem bieten keinen ausreichenden noch qualitativ angemessenen und jugendgerechte Möglichkeiten junge Menschen in Not aufzunehmen. Junge Menschen meiden aus vielfältigen Gründen sehr oft das Wohnungslosenhilfesystem und ihre Etikettierung als Wohnungslose.

Sie nehmen deshalb häufig schwierigste familiäre Bedingungen, Gewalterfahrungen und Abhängigkeitsverhältnisse in Kauf, um eine Notunterbringung in einer der Notübernachtungsstellen zu vermeiden. Dies kann Folgeprobleme wie weitere Gewalterfahrungen und Traumatisierung nach sich ziehen. In den großen Übernachtungsstätten wie dem Pik As (330 Plätze) gehen die jungen Menschen mit ihren individuellen Bedarfen unter. Die Kumulation von verschiedenen und oftmals bereits verfestigten Problemlagen der älteren Zielgruppe der Notübernachtungsstätten Pik As, Frauenzimmer oder Haus Jona, stellen für junge Menschen bei Aufnahme in diese Notübernachtungsstätten weitere Gefährdungen dar. Sie treffen hier auf Menschen deren Problemlagen durch physische und psychische Erkrankungen, Sucht, Hafterfahrungen und der Erfahrung oft jahrelanger Wohnungslosigkeit geprägt sind.

Durch den Aufenthalt in den genannten Notübernachtungsstätten, verfestigt sich die aktuell empfundene Verzweiflung und Perspektivlosigkeit der jungen Menschen. Eine kurzfristige Übernachtungsmöglichkeit für junge Wohnungslose Menschen in Verbindung mit Angeboten der Jugendsozialarbeit, die Unterstützung und Begleitung anbieten, können frühzeitige Hilfen ermöglichen. Diese dringend benötigten Notschlafstellen für junge Menschen stehen aber nicht zur Verfügung. In der Folge verbleiben viele junge Wohnungslose in der versteckten Wohnungslosigkeit, begeben sich im Tausch für einen Schlafplatz in Ausbeutungs-, Abhängigkeits- und Gewaltverhältnisse und sind für situationsverändernde Interventionen schwer erreichbar. Es droht eine Verfestigung der prekären Lebenssituation. Wichtige Weichenstellungen für die Verselbstständigung werden versäumt.

Durch eine rasche und unbürokratische Übernachtungsmöglichkeit, kann eine drohende Obdachlosigkeit und damit einhergehende Gefährdung von jungen Menschen verhindert werden.

 

Größe der Zielgruppe

Offizielle Zahlen zu obdachlosen jungerwachsenen Personen (18 – 27) in Hamburg sind nicht bekannt. Der „Arbeitskreis Wohnraum für junge Menschen in Hamburg“ zählte bei einer internen Erhebung der sieben beteiligten Institutionen 279 Personen. Gezählt wurden wohnungslose Jungerwachsene im Zeitraum Januar bis Juli 2009, zu denen seitens der Einrichtungen Kontakt bestand. Auf dieser Basis schätzt der Arbeitskreis, dass es in ganz Hamburg mehr als 2.000 wohnungslose junge Menschen gibt. Seit Ende 2016 liegt der Zwischenbericht vom Deutschen Jugendinstitut zur Erhebung von „Straßenjugendlichen in Deutschland- eine Erhebung zum Ausmaß des Phänomens“ vor. Dort wurden insgesamt 316 Jungerwachsene befragt. In Hamburg wurden mit 106 jungen Menschen qualitative Interviews geführt.[2]

 

Unterkunftsangebote für junge Wohnungslose Menschen in Hamburg

Neben der nicht bedarfs- und zielgruppengerechten Unterbringung im Pik As bzw. Frauenzimmer und der regulären ordnungsrechtlichen Unterbringung gibt es das Jungerwachsenenprojekt (JEP) bei fördern & wohnen, welches eine besondere Unterbringung mit sozialpädagogischer Unterstützung verbindet (19 Plätze). Das Jungerwachsenenprojekt JEP bietet ausschließlich für männliche Jungerwachsene Schlafplätze. Zudem ist keine kurzfristige Übernachtung möglich und der Zugang nur über die Fachstelle möglich, so dass hier bereits bürokratische Hürden genommen werden müssen. Das im Gesamtkonzept der Wohnungslosenhilfe angekündigte JEP II mit weiteren 20 gemischtgeschlechtlichen Plätzen wurde nicht umgesetzt. Weitere Neuerungen für die Zielgruppe der 18 – 27 jährigen Wohnungslosen sind nicht vorgesehen.

Die wenigen, vorhandenen Krisen- und Gästewohnungen bieten ebenfalls keine kurzfristige Unterbringung, sondern sind konzeptionell längerfristig angelegt.

 

Konzeptionelle Eckpunkte einer Notschlafstelle

Sinnvoll ist es, mehrere kleinräumige Einrichtungen (Dezentrale Notschlafstätten) zu schaffen. Das gewährleistet kleinere Einheiten und ermöglicht bessere regionale Bezüge. Die NSST müssen mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sein.

Falls nur eine NSST (Zentrale Notschlafstelle) umsetzbar ist, wäre hier eine Einrichtung mit 35 Plätzen sinnvoll. Da eine Zentrale Notschlafstätte für ganz Hamburg zuständig wäre, müsste diese möglichst zentral liegen und gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein.

Für Notschlafstellen könnten entweder leerstehende Bürogebäude umfunktioniert oder aber Gebäude aus dem Bestand der SAGA/GWG genutzt werden.

 

Kurzer Überblick des vorzuhaltenden Angebotes

  • Zeitlich befristetes Übernachtungsangebot (7 bis maximal 14 Übernachtungen).
  • Niedrigschwelliger Zugang d.h. Aufnahme ohne formale Voraussetzungen
  • Unterbringung in Einzelzimmer
  • Aufnahme auch für Paare und junge Menschen mit Hund möglich
  • 24-stündige Aufenthaltsmöglichkeit
  • Zentrale NSST: Bis 22.00 Uhr reguläre Aufnahme, danach Bereitschaftsdienst vor Ort (Ausnahmefälle möglich)
  • Dezentrale NSST: Bis 18.00 Uhr Aufnahme, danach Rufbereitschaft (Ausnahmefälle möglich)
  • Medizinische Versorgung
  • Körperpflege: Abgetrennte Sanitärbereiche für Frauen und Männer
  • Vorhalten von Waschmaschinen und Trocknern
  • Schließfächer für kleine Habseligkeiten und Gegenstände
  • Gemeinschaftsküche, um Essen zubereiten zu können. Kühlschränke mit abschließbaren Fächern zur Aufbewahrung von Lebensmitteln
  • Ausgabe von Grundnahrungsmitteln/Lebensmittelpakete/Hygieneartikel
  • Vorhalten von Kleiderspenden

 

Beratungs-, Betreuungs- und Kriseninterventionsangebot

Da bekanntlich in den frühen Abendstunden und in der Nacht Krisen auftreten, ist es unabdingbar, dass in dieser Zeit qualifiziertes Personal in der NSST anwesend ist. Ebenso muss sichergestellt sein, dass die jungen Menschen auch in den Abendstunden und in Ausnahmefällen nachts, aufgenommen werden können. Sicherheitskräfte sind hierfür nicht geschult.

Tagsüber sind 2 Sozialarbeiter/innen anwesend. Ihre Aufgabe ist die Vermittlung in sachlich und fachlich zuständige Beratungs- und Unterstützungsangebote in den jeweiligen Bezirken. Durch Kooperationen mit den Jugendämtern, Jugendberufsagenturen, Einrichtungen der Jugendsozialarbeit und Jugendarbeit, MOMO etc. wird die Arbeit unterstützt. Die Vertretungssituation bei Urlaub und Krankheit sowie der fachliche Austausch vor Ort müssen sichergestellt sein.

Notschlafstellen für junge Wohnungslose Menschen in Hamburg sollen die Obdachlosigkeit junger Menschen durch ein dem Alter und der Lebenslage angemessenes Angebot möglichst vermeiden helfen und frühzeitig Hilfestellungen sowie Beratung zur Veränderung der Lebenssituation auch in Kooperation mit Angeboten der Jugendsozialarbeit leisten.

Neben dem flexiblen, niedrigschwelligen und kurzfristigen Übernachtungsangebot, soll hier auch ein Zugang zu Beratung und weiterführenden Hilfen geschaffen werden, damit die Lebenssituation der Betroffenen stabilisiert und/oder positiv verändert werden kann.

 

AK Wohnraum für junge Menschen

 

[1] Der AK-Wohnraum für junge Menschen (seit 2002) hat immer wieder diese Forderung erhoben. In der Fachöffentlichkeit wurde die Angebotslücke immer wieder bestätigt, u.a. auf dem Fachtag im DW HH 2007, in der behördlichen Arbeitsgruppe im Prozess „Wege aus der Obdachlosigkeit“, beim Runden Tisch junge wohnungslose Menschen, im behördlichen Gesamtkonzept der Wohnungslosenhilfe in Hamburg 2012. Eine behördliche Unter-AG hatte im Rahmen des Gesamtkonzeptes der Wohnungslosenhilfe bereits konzeptionelle Eckpunkte entwickelt. Im Masterplan „Obdach- und Wohnungslosigkeit junger Menschen entgegenwirken“ (BASFI) 2014 wurde der Aufbau einer Notschlafstelle aufgenommen.

[2] Vgl. Caroline Hoch: Straßenjugendliche in Deutschland – eine Erhebung zum Ausmaß des Phänomens, Zwischenbericht – zentrale Ergebnisse der 1. Projektphase, Deutsches Jugendinstitut, 2016, S. 13, Punkt 6, Tabelle 1